SUBWAY Dezember 2020

Foto Lina Tesch POP & KULTUR 2020 SUBWAY.DE 38 und mit sich selbst beschäftigen. Ich würde mir so wünschen, dass das nicht nur Frauen erken- nen, sondern auch Männer oder egal welches Geschlecht. Dass das nicht so als Frauenthema behaftet ist, ganz nach dem Motto: mit einem Prosecco in der Hand in der Badewanne. Es geht so viel darum, sich mit sich selbst zu beschäfti- gen. Das sollte jeder für sich selbst tun und auch nicht nur, wenn was Schlimmes passiert ist. Wir haben alle unsere Ups und Downs und in so ei- ner Zeit von einem Lockdown, wo man sich viel mit sich selbst beschäftigen muss, merkt man, dass einige Leute nicht fähig sind, Zeit mit sich selbst zu verbringen. Wie furchtbar ist das? Kriegst du immer noch viele solcher Nachrichten undwie reagierst du darauf? Ja, aber ich antworte selten, weil mich das so be- rührt und traurig macht. Ich habe schon vorher viel Empathie gehabt, wenn mir jemand so eine Geschichte erzählt hat. Aber wenn man selbst sowas Schlimmes erlebt hat und teilweise ganz genau für sich weiß, wie sich das anfühlt, ist das einfach eine ganz andere Art von Empathie, die man da empfindet. Ichwill michmanchmal auch einfach schützen und das gehört auch mit dazu, für die Selbstliebe und für den Selbstwert, sich nicht jede Geschichte anzuhören und sich da- rüber auszutauschen, weil mich das jedes Mal so runterzieht und ich manchmal auch wirk- lich Tränen in den Augen habe, wenn ich diese Nachrichten lese. Ich würde nicht mehr glücklich werden, weil ich nicht diesen neutralen, objekti- ven Blick habe, um einfach nur zu helfen. Mich nimmt das persönlich viel zu sehr mit, als dass ich jedem antworten könnte. Warum ist es überhaupt sowichtig, sichauchmit negativenGefühlen auseinanderzusetzen? Viele wollen sich einfach nur permanent ablen- ken von den Problemen, die sie haben. Für mich zeigt es eine wahnsinnige Stärke, sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen, sie zu bearbei- ten, daran zu reifen, zuzugeben, Fehler gemacht zu haben, sich Schwächen einzugestehen. Das Ziel von „me-time“ ist es, dass Leute den Pod- cast hören und sich denken, „Das nehme ich für mich mit und das möchte ich ändern, das mache ich jetzt.“ Viele denken, das ist so esote- risches Zeug und Selbstfindung und bla. Man sieht dann immer irgendwie jemanden in einer Yoga-Pose. (lacht) Ich hoffe, dass ich dem Gan- zen eine andere Richtung geben kann und dass es irgendwann auch cool ist, sich mit sich selbst zu beschäftigen. In „me-time“ probierst du viele verrückte Sachen aus, die dich bei deinem Heilungsprozess unter- stützen sollen. Was war davon das Schrägste? Ich war zum Beispiel beim Vagina-Kung-Fu und hatte zuerst gar kein Bock darauf, obwohl ich es ja bewusst ausgewählt hatte. Das war zusam- men mit einer Gruppe und ich bin eigentlich kein Fan von Gruppenworkshops mit fremden Menschen, aber das war tatsächlich richtig gut. Es hatte gar nicht diesen Spirit, bei dem es da- rum geht, sich seine Scheide im Spiegel anzu- gucken. Es ging vielmehr um Weiblichkeit, auf seinen Körper zu hören und sich Zeit zu neh- men, zu begreifen, wann habe ich Lust, also im sexuellen Sinn. Ich bin super gestärkt da rausge- gangen, obwohl es auch absurde Teile in diesem Workshop gab, die ich gar nicht gefühlt habe. Manchmal dachte ich, das erfüllt halt gerade einfach jedes Klischee. Vielleicht bin ich auch zu ironisch dafür, da kann ich manchmal nicht so viel mit anfangen. Aber ich freue mich riesig über diese Folge. Wie helfen dir diese Aktionen bei deinem per- sönlichen Heilungsprozess und wo befindest du dich gerade innerhalb dieses Prozesses? Ich sitze gerade mit extrem fettigen Haaren auf der Couch, ich glaube, das sagt alles, oder? (lacht) Mit sehr viel Trockenshampoo – es ist eine Stehfrisur, aber halt komplett voller Fett. Ich finde es bewundernswert, was für eine Kraft Trockenshampoo hat und ich wünschte mir, ich komme an den Punkt, an dem ich die seelische Kraft von Trockenshampoo habe. Aber ich weiß noch nicht, wo ichmich in diesemProzess genau befinde. Ich finde, da gibt es keinen Zeitstrang. Man sollte immer an sich arbeiten und ich bin einfach nur froh, dass ich schon so weit gekom- men bin, wie ich jetzt bin. Wenn ich an mein Wohlbefinden im November 2019 denke, kann ich sagen, dass wirklich sehr viel passiert ist und es geht mir so viel besser. Ich bin befreiter. Das ist für mich schon ein Fortschritt, auf den ich blicken kann. Ich glaube, wenn man immer nur daran denkt, was man noch alles erreichen und verarbeiten muss, führt das nicht zu einem posi- tiven Gefühl. Es ist, wie wennman eine unaufge- räumte Bude sieht und nicht den Erfolg bemerkt von dem, was man alles schon geschafft hat, sondern nur das Chaos. Wie kann man denn deiner Meinung am besten lernen, sich selbst zu lieben? Indem man sich mit sich selbst beschäftigt und herausfindet, was einem gut tut und dann be- greift: Wenn ich doch die Dinge für mich tue, die mir guttun, egal was es ist, dann weiß ich, dass ich mich liebe. Ob das Gespräche mit Freunden sind oder ob man Kontakt zu Menschen redu- ziert, die einem nicht guttun. Das für sich einzu- gestehen und immer den Fokus zu haben: Das möchte ich machen, weil danach fühle ich mich besser und es gibt mir ein gutes Gefühl. Wenn man darauf achtet, auch Dinge auszuprobieren, die vielleicht unschön sind, nicht logisch oder nicht dem gesellschaftlichen Bild entsprechen, aber man dabei auf sich selbst hört, dann ist das für mich ein sehr großer Teil von Selbstlie- be. Da diese innere Stimme zu finden und die- se Coolness zu haben, dem Ganzen überhaupt Aufmerksamkeit zu geben, ist wichtig, weil ich glaube, das wird oft verpönt. Was ist dein bester Tipp gegen schlechte Laune? Mir hilft Musik sehr oder ich gucke mir Comedi- ans an, die ich mag. Manchmal sind es Podcasts, Specials oder YouTube-Videos, aber Lachen hilft irgendwie immer. Manchmal sind es auch Freun- de, mit denen man viel lachen kann. Lachen ist immer gut – oder Essen! (lacht) AllegraWendemuth TERMIN „Goddess“-Tour 24. April 2021 Theater am Aegi (H) ines-anioli.de

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