SUBWAY Dezember 2020

Foto Lina Tesch 37 S ie ist die Königin des im-Slip-durch-die- Küche-Tanzens. Ungeschminkt und mit einer verrückten Grimasse für jede Situation verführt Ines Anioli ihre zahlreichen Instagram-Fans. Ihr Podcast „Besser als Sex“ mit Leila Lowfire stand bei Spotify hoch im Kurs. Auch mit ihrem Stand-up-Debüt „Cumedy“ brachte Ines ihre Zuschauer mit dreckigem Humor und gnadenloser Ehrlichkeit zum La- chen. Doch diese Frau ist nicht nur Comedian mit Leib und Seele, sie ist auch Gründerin des Online-Shops „SmallTitsClub“ und eine echte Kämpferin. Nachdem Ines in einer toxischen Beziehung sexuelle Gewalt erleben musste, widmet sie sich nun ernsteren Themen und ver- sucht, das Trauma in ihrem neuen Spotify-Ori- ginals-Podcast „me-time“ zu verarbeiten und wieder eine Verbindung zu sich selbst herzu- stellen. In den einzelnen Folgen hat sie bereits einen Schamanen besucht, Töpfern und Gitarre spielen gelernt und ihren Darm sanieren lassen. Dabei bekommt nicht nur Ines selbst, sondern auch der Hörer viele wertvolle Tipps und An- regungen von echten Experten. Auch in ihrem kommenden Comedy-Programm „Goddess“ soll es nächstes Jahr vor allen Dingen darum gehen, sich und seinen Körper akzeptieren und lieben zu lernen. Wir haben uns an die Strip- pe gehängt und mit Ines über Frustration, Em- powerment, Veränderungen und die Kraft von Trockenshampoo gedeeptalkt. Ines, deine Auftritte als Stand-up-Comedienne mussten leider auch ins nächste Jahr verscho- benwerden.Wie stehst duals Künstlerin zuden drastischen Corona-Maßnahmen? Alles Lüge. (lacht) Nein, also natürlich bricht es mir das Herz und ich denke, es gibt einen riesigen Rattenschwanz, der da noch hinter- her hängt. Ich kriege mit, wie sehr die ganze Branche leidet und wie Ticket-Verkaufsstellen geschlossenwerdenmüssen; Veranstalter, Ton- techniker, ganze Firmen bangen. Ich finde es furchtbar, denn in der Kürze der Zeit, in der ich diesen tollen Job ausüben darf, ist er mir wahn- sinnig ans Herz gewachsen. Aber ich bin noch immer positiv gestimmt, auch wenn alle sagen, dass nächstes Jahr eh nichts mehr stattfinden wird. Wenn man Auftrittsmöglichkeiten findet, zum Beispiel Open Airs, die es dieses Jahr auch schon gab, ist das natürlich ein Kompromiss. Aber man muss anfangen, zu überlegen: Okay, was können wir noch verbessern, was können wir noch machen? Wie können wir Veranstal- tungen noch sicherer gestalten? Damit es da einfach gute Ideen und gute Konzepte gibt, die umgesetzt werden können. Dann tritt man vielleicht nicht mehr vor so vielen Leuten auf, sondern steht vor einer kleineren Gruppe. Ich finde, wenn man diesen Job liebt, dann macht man ihn auch nicht nur, um eine Arena-Tour zu spielen, sondernmanmacht ihn einfach – egal, wie viele Leute vor einem stehen. Nach einer traumatischen Erfahrung in einer toxischen Beziehung hast du dich ernsteren Themen gewidmet und deshalb auch deinen neuen Podcast „me-time“ gestartet. Im März 2021 soll die Live-Show „Goddess“ folgen. Um was geht es bei demneuen Programm? Das „Goddess“-Programm ist ein neues Programm und das wird natürlich immer ir- gendwie einen Humor haben, der, wie das in Deutschland so schön gesagt wird, unter der Gürtellinie ist – aber das bin ich halt einfach und war es schon immer. Das bringt mich auch selbst zum Lachen. Aber das heißt nicht, dass immer alles nur stumpf ist, sobald man Penis, Scheiße oder Arschloch sagt. Es gehört für mich eine Befreiung dazu, darüber reden zu können oder Dinge auszusprechen, die nun mal einfach passieren. Ich meine, warum la- chen Leute darüber? Weil sie sich darin wie- derfinden und weil sie merken: Ja, ist mir auch schonmal passiert. Das war bei „Besser als Sex“ nicht anders. Die Sachen, die wir gesagt haben, waren für viele Menschen drüber. Das kann auch in der Comedy passieren, das ist ganz normal. Ich mache das nicht, um allen Leuten zu gefallen, sondern ich mache das, weil ich über diese Themen reden möchte und weil sie für mich humoristische Aspekte haben. Überlegungen eine Plattform bekommen. Für mich war mit dem Beenden von „Besser als Sex“ klar, ich möchte irgendwann wieder einen neu- en Podcast haben. Ich hätte auch den nächsten Laber-Podcast mit Person XY starten können, was ich für die Zukunft auch überhaupt nicht ausschließe. Aber nach dem Erfolg von „Bes- ser als Sex“ hatte ich persönlich keinen Bock, in einen Konkurrenzkampf zu gehen. Deswegen habe ich beschlossen, ein ganz anderes Pod- cast-Projekt zu machen. Eines, das meine aktu- elle Situation mehr beschreibt und Menschen hilft. Es ist ein eigenständiges Projekt und des- wegen finde ich es gut, das allein zu machen, auch mit dieser neuen Form von einem langen Beitrag, das liegt mir durch die Radiozeit ja auch. Eine toxische Beziehung ist ja etwas, worüber viele nicht gerne sprechen würden. Du lässt die Öffentlichkeit trotzdem an deinen Erfahrungen teilhaben. Fühlst du dich dabei nie unwohl? Doch, also allein, dass mir das passiert ist, auch wenn ich das natürlich nicht bewusst gemacht habe, ist mit einem großen Anteil von Scham behaftet. Wenn ich an gewisse Situationen zurückdenke, denke ich mir heute ganz oft: Gott, warum habe ich mir das denn gegeben? Warum habe ich das mit mir machen lassen? „MAN DARF NICHT IN DER OPFERROLLE FESTSTECKEN, SONDERN SOLLTE RAUSKOMMEN, SICH WOHLFÜHLEN UND MIT SICH SELBST BESCHÄFTIGEN“ Warum wolltest du wieder einen Podcast machen? Was schätzt du an diesem Format? Podcast ist definitiv eine der Sachen, die ich hoffentlich noch sehr lange machen darf und machen werde. Ich habe eine Ausbildung als Hörfunkmoderatorin gemacht und schon da- mals beimRadio gemerkt, dass es mich gar nicht so sehr interessiert, am Tag kurze Ankündigun- gen zu machen. Ich meine, beim Radio ist es das Größte, die Primetime-Morningshow zumo- derieren, aber das hat mich nie gefesselt. Ich fand es schon immer toller, einen Abendtalk zu machen. Ich habe damals immer die Lateline gehört, die ja auch in einer Mediathek abrufbar war. Das hat mir Freude bereitet und ich habe mich gefragt, was ich machen will. Und dann haben wir damals mit „Sex-Vergnügen“ ange- fangen und mir war es egal, ob das die Leute hören werden oder nicht. Es war immer das, was ich machen wollte. Mir gefällt das Medium Pod- cast einfach total gut und ich fand es auch einen schönen Weg, um von allem, was kurz, schnell und laut ist, mit vielen Schnitten und viel Ablen- kung, wegzukommen. Mir hat es gefallen, dass diese langen, tiefgründigen Erzählungen und Wenn du das jemandem so erzählst, wäre von allen Leuten die Reaktion: „Mein Gott, geh! Wie furchtbar!“ Ich bin lange Zeit geblieben, habe lange an das Gute geglaubt und natürlich füh- le ich mich dann beschämt. Darüber zu reden, ist nicht einfach. Wie ich mich zeige, ist das In- timste und Verletzlichste. Aber ich mache das nicht, weil es mich irgendwie antörnt darüber zu reden, sondern weil ich einfach durch das Öffnen meiner Geschichte im Podcast und auch damals bei „Besser als Sex“ gemerkt habe, wie groß dieses Thema ist, wie vielen Leuten das passiert, wie groß das Verlangen nach Hilfe ist. Ich kann nicht jedem helfen. Mir werden regel- mäßig Geschichten auf Instagram zugeschickt von Menschen, die sagen: „Mir ist auch sowas passiert“ oder „Ich habe eine Freundin, der es ähnlich geht, wie kann ich ihr da raushelfen?“ Ich fühle mich absolut nicht in der Position zu sagen, ich habe das mal durchgemacht und ich könnte jetzt eine super Therapeutin abgeben. Aber ich hoffe einfach, durch meine Geschichte und das, was ich jetzt tue, Stärke zu vermitteln. Man darf nicht in der Opferrolle feststecken, son- dern sollte rauskommen, sich wohlfühlen

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