SUBWAY Dezember2025/Januar2026

2025/2026 SUBWAY.DE POP & KULTUR 44 Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin...“ und vermutlich auch ein paar laaange Deutschstunden hinter mich gebracht. Goethe? Klar. Faust? Auch klar. Aber mal ehrlich: Wann hat uns ein Klassiker das letzte Mal so richtig umgehauen? Eben. Fast zwei Jahrhunderte nach der Uraufführung am 29. Januar 1829 (die nicht etwa in Weimar stattfand, sondern tatsächlich im Braunschweiger Hoftheater am Hagenmarkt) wird der Stoff wieder aufgegriffen, denn die Illustratorin Nele Heaslip kleidet Goethes schweren Brocken sehr beeindruckend neu ein. Federleicht wird er dadurch zwar auch nicht, doch zugänglicher in jedem Fall. Licht und Schatten Diese Comicadaption ist alles, was die meisten Deutschstunden wohl nicht waren: visuell, wild, wuchtig. Heaslip nimmt den Stoff ernst, aber lässt sich auch nicht einschüchtern. Sie schickt den Gelehrten Faust durch gleich drei Epochen (vom Mittelalter über die dunklen 40er bis in die Gegenwart) und zeigt, dass sich an der menschlichen Sehnsucht nach Erkenntnis und Erfüllung gar nicht so viel geändert hat. Die Illustratorin Nele Heaslip wagt das Unwahrscheinliche: Eine vollständige Comic-Adaption von Goethes Faust. Der erste von drei Bänden ist nun erschienen. HEINRICH! MIR GRAUT´S VOR DIR. Fotos Jaja Verlag Die Zeichnungen des auf drei Bände angelegten, insgesamt rund 800-seitigen Werks sind schwarz-weiß, kantig, expressiv – virtuos mit der Tintenfeder aufs Papier gebracht. Jede Seite pulsiert vor Atmosphäre, jede Figur scheint aus Licht und Schatten gebaut. Mephisto ist natürlich kein plakativer Teufel mit Dreizack, sondern die schlaue, spöttische Kraft, die dem Faust (und uns gleich mit) immer wieder die Frage stellt: Wofür lohnt es sich eigentlich, seine Seele zu verkaufen? Goethes Originaltext bleibt dabei unangetastet – keine platte Modernisierung, kein „Faust for Dummies“ also, sondern eine liebevolle Neuinszenierung. Und das funktioniert ausgesprochen gut: Die Verse klingen, die Bilder brennen sich ein, und plötzlich ist dieser jahrhundertealte Text wieder da! Mitten in unserer Gegenwart, zwischen Leistungsdruck, Sinnsuche und Burn-out. „Der Faust“ ist immer noch der Spiegel, in dem wir uns selbst erkennen – nur dieses Mal eben in Panel-Form. Statt sterilem Reclamheftchen gibt es Grafik, Tiefe und jede Menge Gefühl. Ein Stück Weltliteratur, das nicht in einer Vitrine verstauben, sondern gelesen werden will. Und auch die Produktion des Buchs ist meisterlich. Wie dieser prächtige Wälzer mit geprägtem Deckel und Lesebändchen nur knapp 30 Euro kosten kann, ist mir ein Rätsel. Chapeau! Also: Wer denkt, Goethe sei durch, sollte an dieser Adaption nicht vorbeigehen. Denn sie zeigt, dass selbst alte Texte noch Funken schlagen können. Band 2 erscheint vorraussichtlich im März 2026. Ich warte sehnsüchtig. Lars Wilhelm

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