SUBWAY Oktober 2026

Fotos Linda Rosa Saal, Tobis Film 27 Mit seinem Diplomfilm „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ holte er sich 2012 gleich den Publikumspreis beim Max Ophüls Festival in Saarbrücken. Danach präsentierte Aron Lehmann, das Anarcho-Märchen „Die Letzte Sau“ mit Herbert Knaup. Den großen Coup landete der Filmemacher mit seiner an Cyrano de Bergerac angelehnten Jugend-Komödie „Das schönste Mädchen der Welt“. Nach dem Drama „Was man von hier aus sehen kann“ folgt nun die Bestseller-Verfilmung „Lügen über meine Mutter“, bei der Rosalie Thomass, Lebensgefährtin des Regisseurs, das Drehbuch und die Hauptrolle übernahm. Mit dem Filmemacher unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald. Herr Lehmann, in Ihrem Film „Die letzte Sau“ heißt es einmal: „Die Welt ist ein scheißdunkler Ort. Deshalb müssen wir Leuchtfeuer anzünden. Dann sehen es die anderen vielleicht irgendwann auch.“ Gilt das Motto auch für „Lügen über meine Mutter“? Lehmann: Sie erwischen mich jetzt relativ emotional mit diesem Zitat. Zumal dieser Film „Lügen über meine Mutter“ extrem viel in meinem Leben verändert hat. Auch bei mir selbst. Ich glaube schon, dass wir in einer Zeit leben, in der wir dieses Leuchtfeuer gerade sehr nötig haben. Wie sieht dieser persönliche Bezug bei Ihnen aus? Ich habe den Roman zu Ende gelesen und war danach erst mal sprachlos. Über das, was dieser Frau widerfahren ist. Über diesen Druck, der da von allen Seiten kommt. Und dann eben auch darüber, dass mir das vorher nie aufgefallen war. Bei der Arbeit an diesem Film bin ich dann auf etwas gestoßen, das ich ehrlich gesagt zuerst gar nicht wahrhaben wollte: dass ich selbst Teil dieses Systems bin. Doch solange ich dieser Scham ausgewichen bin, habe ich auch nichts verstanden. Das ist für mich der eigentliche Punkt: Scham ist nicht das Ende. Erst als ich diese Scham zugelassen habe, konnte ich überhaupt erst anfangen etwas zu verändern. Mich zu verändern und damit auch auf die Welt um mich herum Einfluss zu nehmen. Könnte man sagen, nach „Das schönste Mädchen der Welt“ ist das nun „Die schönste Mutter der Welt“? Das müssten Sie meine Frau fragen. Als Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin steckt ganz viel Rosalie in diesem Film, auch in dem, was sie mit der Autorin Daniela Dröscher verbindet. Meine Aufgabe als Regisseur war es nicht, zu erklären, sondern zuzuhören und zu fragen. Und dann eine visuelle Sprache finden für das, was Rosalie und Daniela erschaffen haben. Worauf ich vor allem geachtet habe: dass unsere Geschichte nie hoffnungslos wird. Dass da auch dieses Leuchten ist. Die Kraft. Die Perspektive. Auch wenn diese im Film immer wieder verbaut, verboten und verhindert werden, vom Mann und von dem patriarchalen System dahinter. Wie schwierig ist ein gemeinsames Projekt mit der eigenen Frau als Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin? Ich arbeite nicht das erste Mal mit meiner Frau zusammen, wir machen das wahnsinnig gerne. Allerdings ist so ein Ehedrama schon etwas Besonderes, weil man es ja mit nach Hause nimmt. Es gibt in diesem Beruf keinen Feierabend, an dem du sagst: „Nach Drehschluss machen wir gemütlich Abendessen, schauen noch ein bisschen fern und dann war‘s das.“ Sondern dieses Thema bleibt allgegenwärtig. Das beschäftigt einen über lange Zeit, schon bei der Entwicklung. So besonders dieser Weg war, so froh waren wir auch, dass er irgendwann vorbei war. Diese Reise war unglaublich bereichernd - und unglaublich anstrengend. Eine alte Hollywood-Warnung besagt, nicht mit Tieren und Kindern zu drehen. Wie bekommt man die passende Jungdarstellerin, die nicht altklug klingt? Da ist zunächst der geniale Kniff von Rosalies Drehbuch, bei dem sich eine erwachsene Erzählerin zurück in ihre Kindheit begibt. Dadurch bekommt dieses Kind die Möglichkeit, mit einem Erwachsenenvokabular zu sprechen. Und das andere sind Castings. Bei Kindern ist es häufig so, dass du einfach den richtigen Typ finden musst. Es gibt diesen Moment, in dem dir dieses Kind aus deinem Drehbuch begegnet und du denkst: „Okay, wow, die ist es.“ Das war hier unsere Elise, ein unglaublich gescheites und einfühlsames Mädchen, das ihre Szenen trägt und immer mit großer Freude und Professionalität dabei ist. Aus dem Kindermund stammt der Satz: „Würden alle Frauen dieser Welt morgen aufwachen und sich in ihren Körpern wohlfühlen und kraftvoll fühlen, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen“ … Dieses Zitat stammt ursprünglich von Laurie Penny, aus dem Buch „Fleischmarkt“. Wir haben um die Nutzungsrechte gebeten, weil es eine sehr schöne und prägnante Aussage ist. Apropos Nutzungsrechte. Die Ausstattung im Retro-Look der 80er zeigt an prominenter Stelle ein „Fix und Foxi“-Heft. Wie kostspielig sind da die Rechte? Tatsächlich sind die Kosten für die Nutzung von Comics total unterschiedlich, bei „Fix und Foxi“ war es einfach. Im Drehbuch standen ursprünglich „Micky-Maus-Hefte“, da weiß man bereits beim Lesen, dass das schwierig wird. Man prüft dann die verfügbaren Rechte: Was kann man haben? Was kann man bezahlen? Interessanterweise war „Fix und Foxi“ relativ unkompliziert. Ihre Filme fallen durch originelle Titel auf. Sind das die Türöffner an der Kinokasse? Ich merke bei mir selber, wie sensibel ich auf Titel reagiere. Klar ist das immer auch eine Frage des Geschmacks. Aber bei „Lügen über meine Mutter“ hat man zwei unglaublich starke Worte, mit denen alle sofort etwas verbinden. Da war von Anfang an klar, dass wir den Titel des Romans für den Film übernehmen. Und dass er groß auf dem Plakat stehen wird. Was ist der Ratschlag für die Kinogänger: Eine große Portion Popcorn in Extragröße? Ja, warum nicht Popcorn und Taschentücher? Und die beste Freundin, die Mutter, die Schwester, den Bruder, den Vater, den Sohn. Und man sich traut, auch den eigenen Mann. Aber ohne Gewähr, dass die Ehe hält. Dieter Oßwald

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